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Obstannahmestelle in Zell

Bis kurz vor der Jahrtausendwende gab es in Zell eine Obstannahmestelle, die von der Deizisauer Bank betrieben wurde. Mit Beginn der Erntezeit konnten die aufgelesenen Äpfel montags an der Annahmestelle, die im letzten Gebäude rechts am Ende der Hauptstraße in Richtung Altbach lag, abgegeben werden. Das Gebäude wurde nach der Beendigung der Obstannahme in eine Schlosserwerkstatt umgebaut.

 

 

Die Äpfel-Annahmestelle in der Hauptstraße 136 vor dem Umbau. Bis 1967 wurden in diesem Gebäude auch die Bankgeschäfte der Deizisauer Bank abgewickelt. Durch die Lage am Ortsrand bekam die Bank außerhalb der Geschäftszeiten zweimal Besuch von ungebetenen Kunden, deren Absicht auf Selbstbedienung aber am Tresor scheiterte.

 

 

Durch die eintägige Öffnungszeit am Montag wurden an den Samstagen in vielen Familien die Obstbäume geschüttelt und die Äpfel in Körben aufgelesen und in Säcke gekippt. Je nach Grad der Motorisierung wurden die Säcke auf von Treckern gezogenen Anhängern, per zweirädrigen Schleppern mit Anhängern (Agria) oder mit Handwagen angefahren.

 

Wer dann am Montag nach dem Geschäft pünktlich zur Annahmestelle kam, fand längs der Hauptstraße eine lange Schlange mit Äpfeln beladener Anhänger vor. Viele Transportfahrzeuge wurden nämlich gleich nach dem Auflesen vor der Annahmestelle geparkt, so dass sich dort schnell eine Schlange bildete. Wer mit seiner Fuhre Äpfel erst am Montag kam, stellte sich hinten an. Bis man vorne war, hieß es Warten und Ruhe bewahren, bis man endlich dran war. Handwerkliches Schaffen hatte Pause. Das Mundwerk trat in Aktion, denn die Warteschlange wurde zur Nachrichtenbörse. Die neusten Zeller Nachrichten machten die Runde und alte Kamellen wurden wieder aufgewärmt und das Feuer im Herd der Gerüchteküche loderte hell und dauerhaft bei der Verbreitung von (neudeutsch) Fake News.

 

Vorne an der Annahmestelle war dann wieder Handarbeit gefragt. Zuerst mussten die Säcke auf die Rampe gehievt werden. Von dort wurden sie auf die Waage gebracht an der das Gewicht abgelesen wurde, wovon die Anzahl der Säcke am Gewicht abgezogen wurde. Bei der großen Menge an Säcken, die die einzelnen Lieferanten hatten, waren mehrere Wiegevorgänge nötig. Von der Waage wurden dann die Säcke in den Lastenaufzug transportiert und eine Etage in die Höhe befördert. Dort wurden sie ausgeladen und mit der Sackkarre an die Abkippstelle gefahren. Dann wurden die Säcke eingesammelt und an der Wiegestelle, je nach abgelieferter Menge, das Geld oder ein Gutschein für Apfelsaft entgegengenommen. Für den umständlichen Ablauf der Obstanlieferung konnte Zell damals für sich ein Alleinstellungsmerkmal beanspruchen. An allen anderen Annahmestellen in der Umgebung war es wesentlich einfacher seine Äpfel los zu werden.

 

Da die Äpfel meist von Angehörigen der älteren Generation abgeliefert wurden, leisteten die Jüngeren bei ihren Vorderleuten, denen das ganze Procedere oftmals schwer fiel, Handlangerdienste. Und je nach dem wer nach einem kam, packte man manchmal auch da noch mit an. Auch die Säcke, in denen sich die Äpfel befanden, waren meist schon etwas älter. Durch das ständige Umladen passierte es häufig, dass Säcke aufrissen und sich die Äpfel auf dem Boden verteilten. Ein zweites Auflesen war angesagt, was den Ablauf zusätzlich aufhielt.

 

Alles in Allem eine zeitaufwändige Angelegenheit, bei der Aufwand und Ertrag in einem krassen Missverhältnis standen. Der heutige Mindestlohn für einfache Tätigkeiten, liegt um ein Vielfaches über dem, was das Äpfel auflesen und abgeben damals einbrachte.

 

Obwohl es in Zell keine Annahmestelle mehr gibt, muss das Obst nicht auf den Wiesen verfaulen. In den Nachbarorten gibt es mehrere Einrichtungen, die das von den Streuobstwiesen aufgelesenes Obst annehmen. Ebenso wie die Ernteerträge ist auch der Preis von Jahr zu Jahr unterschiedlich. Eine Zeller Familie erntete 2018 4 t Äpfel, 2019 kamen gerade 100 kg zusammen. 2018 wurden für 100 kg Äpfel oder Birnen 7,00 Euro gezahlt. Zwetschgen brachten 40,00 Euro pro 100 kg.

 

Hans-Joachim Bosse

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