Zell am Neckar... ...mehr als nur ein Stadtteil von Esslingen
Zell am Neckar......mehr als nur ein Stadtteil von Esslingen

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Nonstop durch Zell

Zell am Neckar ist ein Ort, wie es viele im Ländle gibt. Inzwischen ist Zell am Neckar, wie viele andere Orte auch, zu einem Teilort geworden. Im Klartext: die Selbstständigkeit ist futsch, was nicht nur eine Status-Frage ist.

 

Ein Dorf ist Zell heute noch, trotz der Veränderungen, die die Zeit mit sich brachte. Auch das herummäkeln an allem und nichts was vor Ort passiert, ist keine typische Zeller Eigenart. Böse Zungen behaupten jedoch, dass der in Zell vorherrschende Familienname Mäckle im Mäkeln seinen Ursprung habe.

 

In einer Ortsbeschreibung von 1845 heißt es, dass der Ort eine Stunde östlich der Oberamtsstadt an der Staatsstraße nach Göppingen und Ulm und am Fuße des rechten Talabhangs liegt. An dem Abhang hinauf liegt der Ort sehr gesund, angenehm gegen raue Winde geschützt, und hat gutes und reichliches Trinkwasser. Trinkwasser aus den eigenen Brunnen gibt es schon lange nicht mehr. Heute existiert direkt im Ort nicht einmal mehr ein Lebensmittelladen. Außerhalb des Orts, auf der einst grünen Wiese ist ein größeres Ein-kaufscenter. Für Ältere ohne eigenes Auto eine besondere Herausforderung, sich mit den Artikeln für das tägliche Leben einzudecken.

 

Über die Zeller liest man in der Ortsbeschreibung, ihr Gewerbefleiß sei gänzlich unbedeutend und der geringste im ganzen Oberamt. Unter den 18 Orten im Oberamt hatte Zell in der Fußballersprache ausgedrückt die “Rote Laterne“. Das ist der Abstiegsplatz! Es reichte nicht einmal zu einem Relegationsplatz. Als Ehrenrettung wird aber erwähnt, dass der Boden auf der Markung nicht an die Güte der Nachbargemeinden heranreichte. Selbst wenn man gewollt hätte, waren wegen der Beschaffenheit des Bodens Grenzen gesetzt.

 

In früheren Jahren standen die Ortsneckereien, bei denen die Nachbarn mit hämischen und diffamierenden Beinamen bedacht wurden, hoch im Kurs. Die gesamte Einwohnerschaft eines Ortes wurde in eine Schublade verfrachtet. So waren sie dann in der Einschätzung ihrer Nachbarn, zu denen, meist im besten Einvernehmen, eine solide Feindschaft gepflegt wurde. Die Zeller wurden als Schnapper tituliert. Dies wohl vor dem Hintergrund ihrer Armut, die sie angeblich verleitete, den Nachbarn alles wegzuschnappen. Neben den Schnappern hatten sie noch den ebenfalls wenig schmeichelhaften Titel „Heuschrecka“. Wegen der bereits erwähnten Armut wurden sie von ihren Nachbarn wie die Heuschrecken als Landplage angesehen.

 

 

Zum Zeitpunkt der Ortsbeschreibung hatte Zell 660 Einwohner. Zu einem Haushalt gehörten damals im Durchschnitt 4,5 Personen. Statistisch gesehen gab es somit 146 Haushalte. 1910 wurde die magische Einwohnerzahl 1000 erreicht und 1929 wohnten rund 1200 Menschen im Ort. Die Zahl der Haushalte stieg damit auf 266 an. Nach der Viehzählung von 1929 entfielen auf jeden Haushalt fast eine ganze Kuh und ein ganzes Schaf. Für die Versorgung mit Eiern waren in jedem Haushalt statistisch 3 Legehennen zuständig.

 

Zum 30. Juni 2016 lebten 4703 Menschen in Zell. Bei den Viehzählungen gingen die Zahlen gegen Null. Die letzte Kuh verschwand Ende der 1970er Jahre. Auch das Krähen der Hähne hat inzwischen Seltenheitswert. Irgendwann ist der Hahn auf dem Kirchturm der letzte seiner Art. Vereinzelt werden noch weidende Schafe unter den in die Jahre gekommenen Obstbäumen gesichtet. Ihre Zahl erhöht sich aber schlagartig, wenn ein Wanderschäfer Halt macht.

 

Aus dem einstigen landwirtschaftlich geprägten Ort ist eine Wohn- oder auch Schlafgemeinde geworden, die im sogenannten Speckgürtel um die Landeshauptstadt her-um liegt. Über acht Jahrhunderte dauerte in Zell der Weinbau. Zu seiner Blütezeit trieben 29 Weingärtner am Ort ihre Weinberge um. Auch in früheren Jahren war nicht alles gut, was aus Amerika kam. Die von dort 1860 eingewanderte Reblaus bedeutete für Zell das Ende des Weinbaus. Im Heimatbuch der Oberamtsstadt steht folgender Satz: „1914 wurde auf der Markung Zell der Weinbau ausgerottet“. Das Obst löste dann die Reben ab. 9065 Obstbäume wurden auf der Markung gezählt. Auf jeden Quadrat-Kilometer kamen somit 2278 Obstbäume. Zell lag damit unter den 18 Orten im Oberamt auf Platz 4 der Tabelle. Die Aussage von 1865 über den mangelnden Gewerbefleiß wurde damit etwas aufgehübscht.

 

Es folgte die Zeit, in der die Männer ihr Geld in den Fabriken von Esslingen, damals noch Eßlingen, verdienten. Im dortigen Heimatbuch ist zu lesen, dass das jüngere Geschlecht die gutbezahlte Fabrikarbeit gegenüber der schweren und oft undankbaren Arbeit des Weingärtners bevorzugte. Landwirtschaft existierte danach meist nur noch im Nebenerwerb. In dieser Tätigkeit galten die Frauen als voll emanzipiert – aber auch nur hier. Sie waren es auch, die ihre in den Fabriken arbeitenden Männer mittags mit einer warmen Mahlzeit versorgten. Mit dem Handwagen wurden die Kochgeschirre zu Fuß von Zell nach Esslingen gekarrt. Dieses zeitaufwändige tägliche Pendeln hätte mit dem Bau der Eisenbahn, die ab 1846 durch Zell fuhr, beendet sein können. Aber, wie beschrieben, sie fuhr nonstop durch den Ort. Sie hielt nicht. Von der Gemeinde wurde damals ein Haltepunkt abgelehnt.

 

Warum, ist nicht bekannt. Wenn man schon die mit einer Bahnlinie für die Anlieger einhergehenden Lasten hat, wäre es eigentlich angebracht gewesen, die Vorteile einer Haltestelle zu nutzen. Die Frauen dackelten also weiterhin mit ihren Kochgeschirren hin und her. Erst 1913 erhielt Zell eine Haltestelle. Die mittäglichen Ausflüge der Frauen zu und von den Fabriken hätten damit zu Ende sein können. Ob das in allen Familien so war, darf bezweifelt werden. Die Versorgung durch die Frauen per Leiterwagen gab es ja zum Null-Tarif, denn die Frauen waren ja “eh da“. Die Bahn kostete aber was.

 

 

 

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