Zell am Neckar... ...mehr als nur ein Stadtteil von Esslingen
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Badekultur im 20. Jahrhundert

Bis Ende 1907 ähnelten Bereiche des täglichen Lebens in Zell denen, die noch heute in einigen Gegenden Afrikas zum Alltag gehören. Wasser, das man in den Haushalten benötigte, musste mit Eimern oder Kannen im Brunnen geschöpft und in die Häuser getragen werden. 1908 erhielten die ersten Häuser in Zell ihre Wasserleitungen. Die Schlepperei des Wassers, meist eine Frauenarbeit, hatte damit ein Ende.

Beim heutigen Wasserverbrauch von 123 l pro Haushalt (Stand 2018), hätten die Frauen damals auch einiges zu tun gehabt. Die Brunnen dienten von da an hauptsächlich für das Gießwasser in den Gärten und als Tränke für das Vieh, bevor es auf die Weiden getrieben wurde. In Zell waren vier Brunnen in Betrieb. Der Hohlbrunnen in der Hauptstraße Richtung Esslingen, der obere Brunnen an der Einmündung der Kirchstraße in die Bachstraße, der untere Brunnen in der Bachstraße an der Einmündung der Unteren Straße und die Brunnenstube am unteren Ende der Forststraße beim Feuersee.

 

Ein eigener Wasserhahn im Haus, natürlich nur mit Kaltwasser, galt damals als Luxus, den man heute nicht als solchen sehen würde. Es gab auch keine separaten Badezimmer, die im Architekten-Deutsch heute unter Nasszellen firmieren. Aber nass ging es dort wo man sich wusch, schon damals zu. Was sich heute Waschbecken nennt, war damals ein schmaler Ausguss in dem das Wasser abfließen konnte. Und es floss in die Kandel oder in den Bach. Hände, Gesicht und Ohren wurden in metallenen Waschschüsseln gewaschen. Von Zeit zu Zeit waren auch die Füße dran. Hölzerne Waschzuber, in der die Wäsche gewaschen wurde, kamen hier ebenfalls zum Einsatz. In gehobenen Haushalten gab es für die Körperwäschen in den Schlafzimmern auf der Kommode eine Schüssel aus Keramik mit einem dazu passenden Wasserkrug.

 

Die nächste “Luxusstufe“ bildeten die Zinkbadewannen, die in einigen Haushalten angeschafft wurden. Sie wurden per Eimer mit Kaltwasser gefüllt, das zusätzlich mit heißem Wasser eine angenehmere Badetemperatur erhielt. Das Warmwasser wurde dem sogenannten Schiffchen entnommen, ein Wasserbehälter der im Küchenherd eingebaut war. Im Sommer wurde die Erwärmung meist der Sonne überlassen. Das I-Tüpfelchen nach dem Bad war dann der Wechsel in frische Unterwäsche. Gespart wurde nicht nur beim Wäschewechsel, sondern auch beim Badewasser. Eine Wannenfüllung reichte für die ganze Familie, wobei die Kinder die letzten in der Reihe waren. Dies war aber keine Folge der sprichwörtlichen schwäbischen Sparsamkeit. In meiner niedersächsischen Heimat wohnte eine Lehrerfamilie in der Nachbarschaft, bei der eine nicht zur Familie gehörende Untermieterin das Schlusslicht in der Badekette bildete. Die eine oder andere Zinkbadewanne findet man heute noch auf Viehweiden, wo sie als Tränke dienen.

 

Im Sommer wurde zusätzlich im Neckar gebadet. Bei diesem Tun ging es in erster Linie um das Schwimmen. Eine Reinigung des Körpers, wurde als Nebeneffekt bestimmt dankbar in Kauf genommen. Der erste Badeplatz lag noch am alten Neckar hinter der damaligen Neckarstraße, die seit der Eingemeindung Robert-Koch-Straße heißt. Genauer gesagt waren es zwei Badeplätze. Sittlich korrekt, nach Geschlechtern getrennt. Später badete dann im entstehenden Neckarkanal alles durcheinander.

 

Eine deutliche Steigerung in Sachen “Waschkultur“ war der Einbau von Badezimmern in den Wohnungen. Eine fest installierte Badewanne und ein Badeofen für das Warmwasser ließen ein bis dahin noch nie dagewesenes Badeerlebnis aufkommen. Der Samstag blieb jedoch unangefochten der traditionelle Familien-Badetag. Allerdings war das separate Badezimmer in Altbauten anfangs noch ein Privileg mit Seltenheitswert. Bei Neubauten gehörten Badezimmer zum Standard.

 

 

 

Die Wannen- und Duschbäder befanden sich im Untergeschoß des Querbaus zwischen alter und neuer Schule. Der Eingang war auf der rechten Seite des Schulhofs unter der Uhr.

 

Wer keine eigene Wanne hatte, musste in Zell auf das wöchentliche Bad nicht verzichten. Im Untergeschoss der Schule war ein öffentliches Bad mit vier Badewannen und sechs Duschkabinen eingerichtet. Freitags von 14 bis 18 Uhr und samstags von 13 bis 18 Uhr konnten die Wannen oder Duschen für 1,50 DM für eine halbe Stunde, einschließlich aus- und ankleiden, von den Zellern benutzt werden. Für die Kleidung gab es pro Bad und Dusche eine eigene Kabine. Wem der Sinn nach einem Premium Bad stand, konnte sich als Badezusatz noch eine Fichtenadeltablette kaufen. Es gab zwar auch andere “Geschmacksrichtungen“, aber Fichtennadel war wohl der Renner. Der Zuspruch zu dieser öffentlichen Badeeinrichtung in der Zeller Schule war so groß, dass sogar ein Wartebereich dazu gehörte. Die Hausmeister der Zeller Schule, anfangs Herr Daudel (Sohn vom Lehrer Daudel) und danach die Ehefrau von Herrn Striegl, waren somit freitags und samstags, als Bademeister tätig. Ende der 1970er Jahre wurde die öffentliche Bademöglichkeit geschlossen. Im Merkel Bad in Esslingen gab es ebenfalls öffentliche Wannenbäder, die inzwischen wohl mangels Nachfrage ebenfalls geschlossen wurden.

 

Hans-Joachim Bosse und Dieter Volk

 

 

 

 

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