Zell am Neckar... ...mehr als nur ein Stadtteil von Esslingen
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Die Müllverbrennung ist heute Standard

Die Abfallbeseitigung war früher Aufgabe der Städte und Gemeinden. So hatte auch Zell seine eigene Mülldeponie in den Neckarwiesen, im Gewand Rettere, wo heute das Berufsschulzentrum des Landkreises angesiedelt ist (Bild rechts).

 

Mit der Kreisreform 1973 ging die Zuständigkeit im Umgang mit dem Abfall auf die Landkreise über. In den Städten und Gemeinden des neu gebildeten Landkreises Esslingen waren damals 90 Mülldeponien in Betrieb. Das Deponieren erfolgte durch die Verfüllung von Steinbrüchen und Geländesenken oder durch Aufschütten zu Bergen in der Landschaft. Um das Volumen der Deponien zu strecken, wurde Brennbares einfach angezündet. So geschah dies auch in Zell zum Leidwesen mancher Anlieger.


Vor 1970 entsorgte jede Gemeinde ihren Müll innerhalb ihres Gebiets selber. Es galt damals als Selbstverständlichkeit, dass man sich um seinen eigenen Müll kümmerte. Meist geschah dies allerdings in Nähe der Ortsgrenze, hin zur Nachbargemeinde.

 

In der Zuständigkeit des Kreises wurden die vielen kleinen kommunalen Deponien nach und nach geschlossen. Übrig blieben die drei größeren Deponien Katzenbühl in Esslingen, Blumentobel in Beuren und Ramsklinge in Filderstadt. Da alle drei Deponien an die Grenzen ihres Verfüllungsvolumens kamen wurden sie erweitert. Bei diesen Erweiterungen wurden erstmals umweltschonende Deponie-Bautechniken angewendet. Am Boden und an den Seiten wurden mehrere Lagen Folien ausgelegt, um das Eindringen von Deponie-Sickerwasser ins Erdreich zu verhindern. Die Sickerwässer wurden jetzt in Kläranlagen eingeleitet.

 

Ein weiteres Kapitel war die Entgasung des Deponiekörpers. Über Gassammler wurde das Methangas in eine Verwertungsstation geleitet. War dann ein Deponieabschnitt verfüllt, wurde er mit Planen abgedichtet, um das Eindringen von Oberflächenwasser zu vermeiden.


Irgendwann hatte das Erweitern der Deponien aber auch ein Ende. Die Suche nach neuen Deponie-Standorten stieß überall auf Widerstand. Den eigenen Müll hätte man ja noch entsorgt, aber den Dreck der Anderen wollte man nicht. Andererseits zeichnete sich in der bundesweiten Diskussion über die Müllbeseitigung ab, dass die Deponierung von Müll, so wie er in den Haushalten anfiel, künftig verboten wird. Es durfte nur noch vorbehandelter Müll deponiert werden, in dem die organischen Bestandteile nahezu vollständig entfernt wurden. Vor diesem Hintergrund entstanden erste Überlegungen für eine höherwertige Müllentsorgungsanlage.


Nach Standortuntersuchungen wurden 1972 die Planfeststellungsunterlagen durch den Zweckverband Müllverbrennung Esslingen-Nürtingen für eine Müllverbrennungsanlage am Standort Riederäcker bei Esslingen Sirnau eingereicht. 1973 wurden die Unterlagen vom Zweckverband an den neu gebildeten Landkreis Esslingen übergeben. 1974 kam es zu einer einstimmigen Entscheidung des Technischen Ausschuss an den Kreistag, eine Müllverbrennungsanlage (MVA) zu errichten.


Der Kreistag beschloss zu untersuchen, ob nicht auf mittlere Sicht die Abfallbeseitigung durch Deponien möglich ist und vorläufig auf eine MVA zu verzichten. 1980 beschloss der Kreistag mit 87 gegen 36 Stimmen eine MVA am Standort Riederäcker in Esslingen-Sirnau zu erstellen. Es folgte eine unsägliche Diskussion über die Möglichkeit, ob durch die im Laborbetrieb befindlichen Müll-Verschwelungsanlagen der Müll in Großanlagen dieser Technologie umweltfreundlicher reduziert werden könne. Für die entschiedenen Gegner einer MVA in Sirnau war aber eine Verschwelungsanlage am gleichen Standort denkbar. Hierbei handelte es sich um das Thermoselect-Verfahren, das von der Herstellerfirma als völlig emissionsfrei und kostengünstiger angepriesen wurde. Das Thema spaltete den Kreistag und die Fraktionen. Die Kreisverwaltung hat mit Unterstützung ihrer Berater stets ihren Kurs in Richtung MVA gehalten.

 

Der Kreistag hat wohl auch durch den massiven Widerstand aus der Bevölkerung einen Schlingerkurs gefahren. Dies hat zu 30 Mio. DM Mehrkosten geführt die über die Müllgebühren finanziert wurden. Die noch vorhandenen Deponiekapazitäten in Kreis schwanden. Zeitweise wurde Esslinger Müll in der Göppinger MVA verbrannt, bis die Göppinger Eigendarf an der Verbrennungs-Kapazität anmeldeten. Der Vorschlag des Esslinger Kreistags in Göppingen eine vierten Kessel zu bauen, wurde von dort abgelehnt.

 

Alle Entscheidungen über die Müllentsorgung wurden in öffentlichen Sitzungen getroffen. Es wurden Hallen ausgesucht, um interessierten Einwohner die Teilnahme an den Sitzungen zu ermöglichen. Wobei im Vorfeld der Sitzungen das Auftreten mancher Gegner der MVA nicht unbedingt zur Versachlichung beitrugen. Kinder mit Totenkopfmasken, Gasmasken standen Spalier für anrückenden Kreistagsmitglieder. Pfarrer warnten auf Plakaten “Müllverbrennung macht Krank“.


Als Notnagel wurde eine Entsorgung des Esslinger Mülls in Frankreich gefunden. Bis zu 130.000 t gingen pro Jahr auf der Straße nach Lothringen zur Deponierung und Verbrennung in Anlagen, die keineswegs dem deutschen Standard entsprachen. Dennoch sprach sich der Kreistag für die Entsorgung des Mülls beim Nachbarn in Frankreich aus. Fühler wurden auch in die ehemalige DDR ausgestreckt. Dort wollte man aber nicht der Mülleimer des Westens sein. Praktisch über Nacht wurden die Müllexporte nach Frankreich von der französischen Umweltministerin Segolene Royal gestoppt. In einem Brandbrief wandte sich Landrat Dr. Hans Peter Braun, mit der Bitte um Unterstützung, an die Landkreise in Deutschland.

 

Die wenigen Hilfsangebote hatten einen stolzen Preis und obendrein gab es die Forderung, später, wenn sich Situation beruhigt habe, die exportierte Menge in gleicher Tonnage wieder nach Esslingen zurück zu nehmen.


Die eingeschlagenen Schritte zur Müllvermeidung, Mülltrennung und anschließender Verwertung zeigten zwar deutliche Erfolge, aber in einem Landkreis mit fast 500.000 Einwohnern bleibt immer noch jede Menge Restmüll übrig, der zu entsorgen ist. Die Mülldiskussion im Esslinger Kreistag endete 1995 nach 23 Jahren mit dem Vertrag zwischen dem Landkreis und der Stadt Stuttgart, den Esslinger Müll über die Stuttgarter Müllverbrennungsanlage in Münster zu entsorgen.

 

Die bei uns die Kritik geratenen Müllverbrennung ist inzwischen Standard. Insgesamt sind in Deutschland 72 Müllverbrennungsanlagen in Betrieb, die mit hohen Auflagen zum Schutz der Umwelt betrieben werden. Natürlich fallen beim Betrieb auch hier Schadstoffe an, die aber durch Filteranlagen herausgeholt und als Sondermüll in den dafür geeigneten Anlagen entsorgt werden. Die Verbrennungsreste, die Schlacken, werden in der Baustoffindustrie verwendet.

 

In der öffentlichen Diskussion wurde häufig von einem Überangebot bei der Verbrennungskapazität in der Region Stuttgart gesprochen. Dass dies nicht so ist, zeigt der Bau der MVA in Böblingen, die später gebaut wurde, nachdem eine Realisierung einer solchen Anlage im Kreis Esslingen aufgrund der jahrelangen Diskussion nicht mehr realisierbar erschien.

 

Die von Teilen des Kreistags favorisierte Thermoselect-Anlage wurde 1995 durch die Badenwerke in Karlsruhe gebaut. Sie wurde später durch die EnBW übernommen. 2000 nahm sie den Volllastbetrieb auf. Durch zahlreiche Pannen kam sie nie richtig in die Gänge, weshalb der Betreiber, die EnBW, die Reißleine zog. Nicht anders erging es der zweiten in Ansbach gebauten Anlage. Die Karlsruher Anlage steht seither still und beschäftigt die Gerichte. Der Schaden der EnBW wird bei diesem Geschäft auf 451 Mio. Euro beziffert. Über die Herstellerfirma wurde im Oktober 2009 der Konkurs eröffnet.


Hans-Joachim Bosse, Bild 1 Heinz Häfele †, Bild 2 Nürtinger Zeitung

 

 

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