Zell am Neckar... ...mehr als nur ein Stadtteil von Esslingen
Zell am Neckar......mehr als nur ein Stadtteil von Esslingen

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Entwicklung der Einwohnerzahlen durch politische Ereignisse

Hans-Joachim Bosse

 

Wie in ganz Deutschland ist auch die Entwicklung der Einwohnerzahl in Zell von drei politischen Ereignissen mit geprägt. Durch Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg verloren 12,5 Millionen Menschen ihre Heimat.

 

In Zell stieg die Zahl aus der Vorkriegszeit (1939) von 1.544 auf 2.134 Einwohner im Jahr 1950.

 

Die zweite, zahlmäßig kleinere, Zuwanderungswelle gab es 1989 mit dem Fall des Eisernen Vorhangs, der Europa von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer politisch in Ost und West teilte. Eingeleitet wurde diese Entwicklung mit der Grenzöffnung zwischen Ungarn und Österreich, in deren Verlauf am Ende die DDR von der politischen Bühne verschwand.

 

Mit dem 2011 begonnen Bürgerkrieg in Syrien stieg die Zahl der Flüchtlinge die in den vier Nachbarstaaten Schutz suchten. Ziel vieler Flüchtlinge war Europa. Neben der Mittelmeerroute von Afrika rückte der Landweg über den Balkan in den Vordergrund. Vorläufiges Ende des Landwegs, der auch von Afrikanern und Afghanen benutzt wurde, war Ungarn. Als Ungarn seine Grenzen schloss, führte dies zu chaotischen Zuständen. In einer gemeinsamen Aktion unter der Führung von Bundeskanzlerin Angela Merkel entschlossen sich Deutschland, Österreich und Ungarn, die Flüchtlinge nach Westen reisen zu lassen. In der Bundespressekonferenz am 31. August 2015 erklärte die Bundeskanzlerin wörtlich: „Deutschland ist ein starkes Land. Das Motiv mit dem wir an die Dinge heran gehen, muss sein: Wir haben so vieles geschafft – wir schaffen das!“

Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg

 

Bis Ende 1950 fanden in Esslingen 19.012 Menschen eine neue Heimat. In Zell nahmen die Einwohnerzahlen aus der Zeit vor dem Krieg bis 1950 um 586 Menschen zu. Neue Wohngebiete wurden ausgewiesen und der Bau neuer Wohnungen begann. Aber bis es so weit war, hießen die Stationen Not- bzw. Durchgangslager. Was nur wenige Wochen dauern sollte, zog sich bis zu einem halben Jahr und länger hin. Die Appelle des Landrats und der Bürgermeister an die “Altbürger“, den “Neubürgern“ Wohnraum
freiwillig zur Verfügung zu stellen, um Zwangseinweisungen zu vermeiden, hatten nicht den gewünschten Erfolg. Je mehr Flüchtlinge und Vertriebene eintrafen, umso größer wurde die Ablehnung gegenüber den
“Fremdlingen“ und den Integrationsbemühungen der Behörden.

 

Bei Einweisungen galten folgende Richtwerte: Ehepaare 12 qm und Familien 18 qm. Den Schwaben wird ja nachgesagt, dass sie seit Generationen nach außen ein streng abgegrenztes Familienleben
führen. Und dann diese neue Situation! An Potential für Konflikte mangelte es deshalb nicht. Speziell die Mitbenutzung der Küche war für eine schwäbische Hausfrau eine nur sehr schwer zu schluckende Kröte.

 

Ein Zeitzeuge aus Zell erinnert sich an die Situation der Flüchtlinge nach 1945:


„Während schon ab Spätherbst 1944 die Bevölkerung Ostpreußens und Ostpommerns vor der Roten Armee floh und überwiegend im Norden Deutschlands strandete, war die Lage ab 1946 völlig anders.
Die Menschen aus Schlesien, Böhmen-Mähren und Ungarn harrten nach Kriegsende noch in ihrer Heimat aus, bis die großen Vertreibungsaktionen durch Polen und Tschechen rigoros erfolgten. Meist nur mit dem was sie auf dem Leibe trugen, wurden Frauen, Kinder und ältere Menschen oft
über Nacht verjagt – wer sich dem widersetzte, konnte auch erschossen werden.


Männer waren unter diesen Vertriebenen kaum zu finden, da sie entweder in Gefangenschaft geraten waren oder sich vor den neuen Machthabern versteckten. Anfänglich ging es zu Fuß Richtung Westen, in der Hoffnung bei den Amerikanern aufgenommen zu werden.

 

Ein älteres Ehepaar aus Mittelschlesien (die Frau 60 der Mann 64 Jahre alt) ereilte dieses Schicksal ebenso wie tausende andere. Zuerst ging es aus der Gegend um Breslau zu Fuß in die „Tschechei“, um an der Grenze zu Bayern einen Güterzug zu erreichen. Das Ziel war der Stuttgarter Raum, da sich dort angeblich schon Verwandte aufhielten. Der Güterzug fuhr aber nur bis Nürnberg, sodass das Paar mit seiner Habe (auf einen Handwagen gepackt) zu Fuß weiter nach Südwesten zog. Das Glück brachte es mit sich, dass in Crailsheim ein LKW der französischen Mi-
litärverwaltung die Leute bis nach Schorndorf brachte. Hier wurden über das Militär die Angehörigen informiert (welchen mittlerweile schon in Zell eine Bleibe zugewiesen worden war)

 

Die Tochter des alten Paares machte sich also in Begleitung ihrer Schwägerin zu Fuß in Richtung Schorndorf auf und Eltern und Töchter trafen sich auf dem heutigen Engelberg. Weiter ging es über den Schurwald nach Zell und erst einmal in die Bleibe der Tochter. Dort be-
fanden sich auf 63 qm 9 Kinder, 3 Frauen und ein älterer Mann, welcher nicht zum Krieg eingezogen worden war. Der Hausbesitzer war natürlich über den Neuzugang nicht erfreut und reklamierte diesen Umstand beim von der französischen Militärverwaltung eingesetzten Bürgermeister.

 

Nach einigen Tagen wurde dem älteren Paar ein Zimmer im Dachgeschoß eines in den 1920er Jahren gebauten Hauses zugewiesen. Der Raum war 12 qm groß und besaß keine Wasserstelle. Die Toilette befand sich außerhalb der Dachgeschoßwohnung und wurde nachts abgeschlossen,
sodass die Notdurft auf einem Eimer verrichtet werden musste.
Da die Versorgung mit Nahrungsmitteln katastrophal war, sammelten die Kinder oft gefallenes Obst aus dem Straßendreck und wuschen es am Brunnen. Nicht selten wurden die Kinder bei dieser Nahrungsbeschaffung als “Flüchtlingspack“ beschimpft.

 

Der Großvater der Kinder ging mit ihnen in den Wald um Pilze, Beeren oder Holz für den kleinen Kanonenofen zu sammeln. Das Holz musste im Zimmer gelagert werden, da die Hausbe-sitzerin dies in ihrem Garten nicht zuließ. Kartoffeln oder Milch konnten nicht bei jedem Zeller gehandelt werden denn: “Mir hen ja selber nix“! Wäsche musste ebenfalls im Zimmer getrocknet werden, da ein Aufhängen im Hof oft nicht
erlaubt wurde.


Ab 1947 kamen dann die überlebenden Väter zu ihren Familien und die Situation des Wohnens verschärfte sich dadurch oft. Manche kehrten auch erst nach Gründung der Bundesrepublik zu ihren Familien zurück. Im Jahr 1949 befanden sich unter den 27 Schulanfängern in Zell 10 Flüchtlingskinder. Selbst der Lehrer kam aus Ungarn und wurde wegen seiner holprigen deutschen Aussprache misstrauisch empfangen – jedoch die Kinder mochten ihn.

 

Da die Flüchtlingsväter keine Arbeit hatten, wurden sie oft als faul empfunden. Nach und nach fanden sie jedoch eine Arbeits-
stelle und manche machten sich sogar selbstständig. So gab es in Zell einen neuen Schuhmacher, zwei neue Schneider, später sogar einen Gipser und einen Architekten. Die Vertriebenen oder Flüchtlinge versuchten ihre Verwandten oder Nachbarn aus den Heimatge-
meinden in ihre Nähe zu bekommen. Dies wurde natürlich stark kritisiert und oftmals als Zumutung empfunden. Jedoch merkten die Zeller bald, dass das “Pack“ auch Musizieren, Singen oder Sport treiben konnte.

 

Nach der Gründung der BRD war vielen Flüchtlingen klar, dass die Hoffnung auf eine Rückkehr in die alte Heimat sich nicht erfüllen werde, und sie strebten nach einem eigenen Heim. Der nun wieder amtierende Gemeinderat mit einem jungen Bürgermeister beschloss, Bauland für Siedlungsbauten bereitzustellen. Mit Mut und Fleiß bauten ab 1953 die ersten Flüchtlinge eigene kleine Häuser, finanziert zum Teil aus Lastenausgleichsgeldern. Dieser Lastenausgleich war den Zellern, aber auch anderen, ein Dorn im Auge und häufig ein Stammtischthema im Ochsen!

 

Bewunderung für das trotzdem große finanzielle Wagnis war aber den Einheimischen nicht zu entlocken. Die Ablehnung gipfelte im Ausspruch eines ortsansässigen Malers:“Fir dia Flichtleng mach i nix, dia kennet doch et zahla“! Unbeirrt von Vorurteilen gingen die Flüchtlingsfamilien ihren Weg weiter und Zell hätte aus heutiger Sicht nichts Besseres passieren können, als der Zustrom der Vertriebenen in ihr kleinkariertes Umfeld.


Übrigens so ganz nebenbei bemerkt: Das ältere Ehepaar verstarb 1954, ohne Groll über die Diskriminierung, die sie sieben Jahre von den Zellern erfahren haben“.

Wirtschaftsflüchtlinge – da war doch mal was

 

Seit ihrem Anbeginn befindet sich die Menschheit auf Wanderschaft. Anders als in der heute oft zitierten Redewendung “Der Weg ist das Ziel“, war es einst das Ziel, das die Menschen zum Aufbruch veranlasste. Ein Ziel, an dem die Menschen bessere Ernten erwarteten als am seitherigen Standort. Heute ist es zum Beispiel das Angebot an Arbeitsplätzen, das Menschen aus anderen Bundesländern, sogenannte “Reingeschmeckte“ zum Beispiel auch nach Baden-Württemberg zieht. Bei vielen Menschen, die aus dem Ausland zu uns kommen, ist es die Furcht um das eigene Leben durch Kriegshandlungen im Heimatland. Sie hoffen, bei uns Asyl zu bekommen.

 

Wessen Leben oder Freiheit in seinem Herkunftsland, durch Krieg, wegen seiner Volkszugehörigkeit, Religion, Staatsangehörigkeit, oder Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe, wegen seines Geschlechts, oder wegen seiner politischen Überzeugung bedroht ist, hat eine Recht auf Asyl. Mit dem diffamierenden Begriff “Wirtschaftsflüchtling“ versuchen Fremdenfeinde und Flüchtlingsgegner Stimmung in der Bevölkerung zu machen, da sie unterstellen, dass die Geflüchteten nicht verfolgt würden, sondern aus rein ökonomischen Gründen nach Deutschland kommen. Tatsache ist, dass der größte Teil der nach Deutschland Geflüchteten aus Bürgerkriegsländern kommt. Unbestritten ist dabei, dass viele der Geflüchteten hier ihre ökonomischen Bedingungen verbessern.

 

Bei der Diskussion Kriegsflüchtlinge oder Wirtschaftsflüchtlinge wird gern vergessen, dass im 18. und 19. Jahrhundert Deutschland das Land war, aus dem die Menschen wegen ihrer Armut auswanderten, was einer Flucht gleichkommt. Teilweise wurden sie von deutschen Behörden regelrecht abgeschoben. Zitat aus der Kreisbeschreibung des früheren Landkreises Nürtingen von 1950: „Die große Not zwischen 1850 -1854 zwang die Gemeinde ihren Ortsarmen das Reisegeld nach Peru zu geben… Die Gemeinde bat um einen Staatbeitrag, damit weitern 62 Personen die Auswanderung ermöglicht werden sollte“.

Auch Zell hatte seine Auswanderer. Im dem Werk „Württemberg und Russland“ von Susanne Dietrich im Verlag DRW, Leinfelden-Echterdingen, ist folgendes zu lesen: „Im Jahr 1817 war die Bereitschaft, die Heimat zu verlassen, weitgehend auf das Gebiet Alt-Württembergs konzentriert…Von Zell nahmen gar 23 Familien Abschied…Die elende Lage der Bauern veranlasste schon im Jahr 1804 viele, Hab und Gut zu verkaufen, um ins südliche Russland auszuwandern…Die ersten Württemberger waren weniger aus materiellen Gründe ausgewandert, sondern aus religiösen. Mit neuen liturgischen Ordnungen war 1791 und 1809 sehr stark in die religiöse Sphäre der Gläubigen eingegriffen worden. Viele Württemberger lehnten den neuen, vom Staat verordneten Kirchengeist ab. Hatten der Pietismus und auch mystische Schwärmerei bis dahin eine starke Anziehungskraft besessen, so war dies im Rahmen der evangelisch-lutherischen Landeskirche geschehen“.

 

Wie groß das Ausmaß war, zeigt dass im 19. Jahrhundert rund 400 Menschen in einer Gemeinde mit unter 1000 Einwohnern ihre Heimat verließen. Aus der damals kleinsten Gemeinde im früheren Landkreis Nürtingen verließen über 60% der Einwohner ihren Ort.

 

Nach dem Fall des Eisernen Vorhang in die Notunterkunft


Aufgeschrieben von Hans-Joachim Bosse nach einem Gespräch mit Anna Mantsch


Die Öffnung des Eisernen Vorhangs zwischen Ungarn und Österreich und durch die Wende in der DDR nutzten Übersiedler (Deutsche aus der DDR) und Aussiedler (Deutsche aus Osteuropa und der Sowjetunion) um ihren künftigen Lebensmittelpunkt in der Bundesrepublik Deutschland aufzu-
bauen. Die Zuständigkeit für die Eingliederung der neuen Mitbürger wurde vom Land Baden-Württemberg ab 1. Januar 1990 auf die Landkreise übertragen.

 

An diesem Stichtag waren im Landkreis Esslingen bereits 2500 Aus- und Übersiedler provisorisch untergebracht. Rund 800 wohnten in Notunterkünften, die nur Übergangslösungen waren. Mit jedem neuen Monat wurden dem Landkreis 360 Menschen zur Unterbringung zugewiesen. Die Lage entspannte sich auch nicht, als im April 1990 die Zahl der Übersiedler aus der DDR sank. Dafür gab es aber einen An-
stieg bei den Aussiedlern. Um die Menschen nicht auf der Straße stehen zu lassen, wurde von Landrat Dr. Hans Peter Braun per Eilentscheidung am 19. Januar 1990, die Sporthalle beim Berufsschulzentrum Zell als Notunterkunft eingerichtet. Wenige Tage später folgte eine gleichlauten-
de Entscheidung für eine Turnhalle des Landkreises in Kirchheim.

 

Meine Eltern, berichtet Anna Mantsch, flohen nach dem Krieg nicht in den Westen. Aufgrund ihres Alters mussten sie nicht befürchten zu Reparationsleistungen, für die Zerstörungen durch den Krieg, in die Sowjetunion deportiert zu werden. Dieses Schicksal traf 70.000 bis 80.000 Siebbürger Sachsen und Banater Schwaben, die von 1945 bis 1949 zu Zwangsarbeitern wurden.

 

Da wir auf dem Land lebten, waren wir durch unseren Garten Selbstversorger und hatten immer etwas zum Essen auf dem Tisch. Luxus war jedoch ein Fremdwort für uns, aber insgesamt lebten wir nicht schlecht. In den Städten sah dies anders aus. Da wir Siebenbürger in Rumänien immer mehr zu einer Minderheit wurden, sahen wir keine Zukunft mehr in unserer einstigen Heimat. Wir stellten einen Antrag für einen Pass, den wir für eine Ausreise in den Westen benötigten. Dieser und weitere Anträge wurden alle abgelehnt. Doch man durfte sich nicht entmutigen lassen. Das ganze Verfahren glich einem „Bohren dicker Bretter“, das irgendwann zum Erfolg führt. So war es auch bei uns.

 

1989 kam es zur Rumänischen Revolution bei der Staatspräsident Nicolae Ceausescu entmachtete und am 25.12.1989 vor ein Militärgericht gestellt wurde. Zusammen mit seiner Ehefrau wurde er kurz danach standrechtlich erschossen. Aus Misstrauen über die Versorgungslage, die vorher unter Ceausescu besser war, verließen 111.150 Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben das Land.

 

1990 bekamen wir dann endlich unsers Pässe. Wir durften nun ausreisen. Wir, das waren mein Mann, unsere beiden Kinder (3 und 5 Jahre alt) und ich. Verwandte, die bereits in Deutschland wohnten, holten uns mit dem Auto ab. Es war also keine Flucht, wie sie es nach Kriegen gibt. Für uns war eine fast normale Ausreise. Neben den persönlichen Dingen, die wir im Auto mitnahmen, wurden unsere anderen Sachen in Kisten verpackt als Stückgut nach Deutschland geschickt.

 

Unsere erste Station in Deutschland war für wenige Tage ein Aufnahmelager in Nürnberg. Von dort ging es mit dem Bus nach Bramsche, Landkreis Osnabrück, wo wir den ganzen Papierkram
erledigten. Mit dem Zug fuhren wir zum Aufnahmelager Rastatt, wo wir drei Tage blieben. Wunschgemäß ging es dann nach Esslingen, wo schon unsere Verwandten wohnten. Da das für uns vorgesehen Lager in Ostfildern bereits voll war, blieb für uns nur die Turnhalle in Zell als vorläufige Unterkunft.

 

Aus diesem “vorläufig“ wurden 10 Monate. Mit über 300 Aus- und Übersiedlern, Familien und Einzelpersonen aus Russland, Polen, aus der DDR und aus Siebenbürgen wohnten wir auf engstem Raum zusammen. Wer einmal ein Matratzenlager in einer Wanderhütte erlebt hat, kann sich gut vorstellen, dass man immer froh war, wenn die Nacht rum war.
Individualität war in diesem Großraum-Schlafzimmer nicht gegeben, da die Halle mit nur wenigen Stellwänden aus Pappe aufgeteilt war. Nachtruhe gab es eigentlich nie. Das Essen lieferte die Küche der Stadthalle in Esslingen. Das Einzige was problemlos klappte, war die Aufnahme von Arbeit in den örtlichen Betrieben. Arbeitsangebote gab es genug, allein es fehlte der Wohnraum.

 

Nach unserer Turnhallenzeit bekamen wir eine Ein-Zimmer-Wohnung in einem Altbacher Hotel. Die Küche teilten wir uns mit einer anderen Familie. Wenn diese Wohnung auch für einen 4-Personenhaushalt viele Wünsche offen ließ, so bedeutete sie für uns, gegenüber der Turnhalle,
einen großen Fortschritt.

 

In Altbach haben wir drei Monate gewohnt und sind dann in die freigewordene Wohnung ins evangelische Gemeindehaus nach Zell umgezogen. Bei der evangelischen Kirchengemeinde konnte ich danach die Stelle der Mesnerin antreten und feierte 2018 mein 25 jähriges Jubiläum als Mesnerin.

 

Seit 2014 ist die Turnhalle in Zell erneut der Notnagel für die Unterbringung der vor dem Bürgerkrieg in Syrien Geflüchteten und von Asylbewerbern aus Afrika und Afghanistan. Aus meiner Zeit in der Turnhalle halte ich die Betreuung und Begleitung der Geflüchteten mit entsprechen Angeboten, hinter der die Initiative “Zell hilft“ steht, für hilfreich und notwendig. Uns halfen damals auch einzelne Zellerinnen, deren Angebote wir dankbar annahmen, die aber nicht den Umfang der heutigen Hilfe hatten. Der heutige Service, den ich für die Geflüchteten begrüße, hätte uns damals auch gut getan.

 

Der Bürgerkrieg in Syrien

 

Aufgeschrieben von Hans-Joachim Bosse nach einem Gespräch mit Ayman Jamal

 

Würde man in einem Roman etwas über die Flucht von Ayman Jamal (35 Jahre) von Aleppo nach Deutschland lesen, dann unterstellten sicher nicht wenig Leser dem Autor eine blühende Fantasie. Die Verhältnisse 2013 in Syrien und speziell in Aleppo sind uns allen aus den Bildern im Fernsehen bekannt. Vielerorts ist durch die Kämpfe zwischen Assads Truppen und den Gegnern seines Regime kein Stein mehr auf dem andern geblieben.

 

Auch Ayman Jamals Wohnung und sein Auto wurden zerstört. Zum Leben in den Ruinen gehörte speziell für junge Leute die Furcht, als Soldat in Assads Armee dienen zu müssen. Mit seinem Vater führte Ayman Jamal ein Geschäft mit Reparaturbetrieb für Haushaltsgeräte. Die Selbstständigkeit sicherte der Familie (Eltern und fünf Geschwister) ein gutes Leben. Seine Mutter schlug ihm vor, sich eine neue Existenz in der Türkei aufzubauen.

 

Von Tartus ging es mit dem Schiff in die nahe Türkei. Zu Fuß und mit dem Taxi erreichte er seine Tante in Istanbul. Dort hielt er es aber nicht lange aus, denn die politischen Verhältnisse am Bosporus verhießen nichts Gutes. Wieder in Aleppo angekommen war es erneut seine Mutter die ihn unterstützte, Syrien zu verlassen. Ein weiteres Mal war die Tante in Istanbul Anlaufstation für seinen Weg nach Westeuropa. Ein Fluchthelfer kassierte 2000 Euro von jedem Gruppenmitglied für die Beförderung nach Griechenland.

Obwohl die Gruppe versuchte, sich möglichst unauffällig und im Schutze von Wäldern zu bewegen, wurde sie von der griechischen Polizei aufgegriffen, verhaftet und eingesperrt. Nachts um 1 Uhr erhielten sie ihre Pässe zurück und wurden in die Türkei abgeschoben. Ihr Geld und ihre Handys behielt die griechische Polizei. Wie zu erwarten, kam auch kein Geld vom Fluchthelfer zurück, nach dem seine Mission gescheitert war.

 

Wieder in der Türkei, ging er erneut auf seine Tante in Istanbul zu, bevor er einen neuen Kontakt zu einem Fluchthelfer suchte. 2700 Euro wurden für die Fluchthilfe zur Stadt Edirne (Türkei) gefordert. Nach stundenlangen Fußmärschen durch die Berge Mazedoniens mit nächtlichen Verstecken in den Wäldern und anschließenden Taxifahrten wurde Saloniki erreicht. Für eine Fluchthilfe nach Deutschland sollten erneut 2700 Euro gezahlt werden. Rund 100 Personen zogen drei Tage zu Fuß durch das Grenzgebirge nach Mazedonien. Ausgehungert, bekamen sie dort von einem Bauern Weintrauben zu essen. Auch hier wurde die Gruppe von der Polizei aufgegriffen und für mehrere Tage in ein Flüchtlings-Camp gebracht. Später ging es mit drei Autos in Richtung serbische Grenze.

 

An der Grenze wurden alle von den Helfern in einem Haus eingesperrt und die Bezahlung der vollen Summe für die Fluchthilfe verlangt. Es wurde gedroht, dass man alle, die nicht zahlen, töten würde und man ihre Organe verkaufe. Über Belgrad führte die Route zur ungarischen Grenze, die mit einem Metallzaun gesichert war. Es gab aber ein Tor nach Ungarn, durch das pro Tag 20 Leute ins Land durften. Durch den großen Andrang an diesem Grenztor betrug die Wartezeit drei bis vier Monate. Von
einem Flüchtling, der sich zweimal eingetragen hatte kaufte sich Ayman Jamal für 800 Euro einen Passierschein der ihm einen schnelleren Grenzübertritt ermöglichte.

 

In Ungarn taten sich neue Schwierigkeiten auf. Einzelne Asylbewerber mussten während ihres Asylverfahrens einen Monat in einem Camp verbringen. Da das Verfahren bei Familien zügiger ablief, ging Ayman Jamal eine Scheinehe mit einer Frau ein, die mit ihrem Kind auf dem Weg zu ihrem Mann in Deutschland war. Mit Frau und Kind erreichte er über Budapest und Österreich schließlich München, nicht ohne vorher weitere 2000 Euro bezahlt zu haben.


Keinen seiner verschiedenen Fluchthelfer hatte Ayman Jamal persönlich kennen gelernt. Alles lief per Telefon. Den direkten Kontakt zu den Flüchtlingen hatten Mittelsmänner, die den im Hintergrund agierenden Chef wohl auch nicht kannten. Der Weg von Syrien nach Deutschland war mit Hindernissen und Umwegen gespickt. Insgesamt wurde Ayman Jamal auf seiner Flucht von Aleppo nach Deutschland viele Male von der Polizei oder von Soldaten ausgebremst. Wenn man seine Geschichte mit allen Details gehört hat, wirkt sie wie bei einem Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-
Spiel, bei dem man immer kurz vor dem Ziel von anderen Spielern wieder rausgeschmissen wird und von vorn beginnen muss. Und für Ayman Jamal dauerte dieses “Spiel“ rund 5 Monate. Ein Flugzeug braucht für diese Route etwas mehr als vier Stunden und ein Flug kostet deutlich weniger als die rund 15.000 Euro, die Ayman Jamal für seine Flucht zahlen musste. Aber den Weg durch die Luft gab es für ihn nicht.

 

Nach München waren seine Stationen Ansbach, Stuttgart, Ellwangen und von dort am 29.11.2017 Zell, wo er in der Unterkunft am Bahnhof eine vorläufige Bleibe fand. Deutschkurse bei der Volkshochschule bestimmen derzeit noch seinen Alltag. Die erste Stufe des Deutschkurses hat er mit
Erfolg abgeschlossen und er bereitet sich jetzt auf die zweite Prüfung vor, die Voraussetzung für die Aufnahme einer Arbeit ist.

 

Sein Berufswunsch ist das Konditorhandwerk. Obwohl in den Handwerksberufen in Deutschland über fehlende Bewerber auf offene Stellen geklagt wird, ist seine Suche nach einer Lehrstelle noch ohne Erfolg geblieben. Er möchte so schnell wie möglich aus der Abhängigkeit vom Staat heraus und seinen Lebensunterhalt, wie früher in Syrien auch, selbst bestreiten und wieder ein selbstbestimmtes Leben führen. Eine solche Einstellung haben sicher nicht alle, die als Flüchtlinge in Deutschland eine Aufnahme gefunden haben. Weil ihm noch eine
hauptamtliche Tätigkeit verwehrt ist, engagiert er sich ehrenamtlich. Er singt im Zeller Kirchenchor, hilft bei der Vesperkirche in Esslingen mit und beim Mittagstisch der evangelischen Kirche in Zell. Ebenso ist er tatkräftig bei Veranstaltungen im Gemeindesaal der katholischen Kirchengemeinde zu sehen. Nach eigenen Worten hat Ayman Jamal in Zell eine zweite Heimat gefunden.


Inzwischen bezeichnet er einige seiner Betreuer und Unterstützer als seine Familie.

 

Eine Zukunft in Deutschland


Aufgeschrieben von Hans-Joachim Bosse nach einem Gespräch mit Khaled Alziab und den Brüdern Iyad und Bassel, die ihren vollen Namen nicht nennen möchten


Bei dem Gespräch mit den drei aus Syrien Geflüchteten ging es hauptsächlich um die ersten Eindrücke, die sie in Deutschland hatten. Khaled Alziab stammt aus Idlib und die Brüder Iyad und Bassel haben in Damaskus gewohnt. Nachdem ihre Häuser in den Heimatstädten durch
Bombenangriffe zerstört wurden, sahen sie in der Flucht die einzige Chance, ein sicheres Leben zu führen. Von Syrien aus flohen sie 2015 in die Türkei, nachdem die syrischen Grenzüberwachungen etwas gelockert wurden. Mit dem Schiff gelangten sie aus der Türkei nach Griechenland und von dort auf dem Landweg über die Balkanroute nach Deutschland.

 

Auch sie haben an Hintermänner rund 3.000 Euro für die Vermittlung von Fluchthelfern gezahlt. Rund 10 Tage waren sie unterwegs bis zu ihrer ersten Aufnahmestation in Nürnberg. Es folgte ein einmonatiger Aufenthalt in Ellwangen. Die nächste Station war dann die Turnhalle des Berufsschulzentrums in Zell, in der sie drei Monate wohnten. Hier haben sich die drei kennenlernten. Obwohl die Turnhalle mit Stellwänden provisorisch in kleinere Wohneinheiten abgeteilt war, führte die Enge und das Aufeinandertreffen von geflüchteten Menschen aus über 10 ver-
schiedenen Kulturkreisen oft zu Konflikten. Anschließend zogen Khaled Alziab, Iyad und Bassel in die neu errichtete Unterkunft “Robert-Koch-Straße“ um.

 

Von dort aus gingen sie auf Wohnungssuche auf dem privaten Markt. Wobei die Wohnungssuche in Esslingen und Umgebung schwierig war. Einige der Geflüchteten fanden ihre Wohnung schneller in Stuttgart, so
auch Khaled und Bassel(!). Alle drei sind inzwischen anerkannte Asylbewerber. Mit diesem Status durften sie in Deutschland eine Arbeit aufnehmen. Inzwischen haben sie alle einen festen Arbeitsplatz.

Ihre ersten Erfahrungen in Deutschland waren von der Bürokratie geprägt. Vom Antrag für einen Sprachkurs bis zum Beginn der ersten Deutschstunde dauerte es drei Monate. Als positiv wurde hervorgehoben, dass die in Deutschland bestehenden Gesetze eingehalten würden. Nicht nur die Bürger hielten sich an die bestehenden Regeln, sondern auch der Staat selber. Bei Verstößen mache der Staat auch nicht die Augen zu, wie es in Syrien zum Alltag gehöre, insbesondere wenn es um die Verstöße von Privilegierten gehe. Das Leben in Deutschland sei dadurch berechenbarer,
bedeute Sicherheit für jeden Einzelnen und garantiere eine  Gleichbehandlung und Freiheit, die es in Syrien nicht gegeben habe. In Deutschland könne man Vertrauen in den Staat haben. Deutsch-
land biete Zukunftsperspektiven, die sie in ihrem Heimatland nie hatten, und so schnell wohl auch nicht bekommen werden, so die einheitliche Meinung der drei Geflüchteten.


Inzwischen ist die Ehefrau von Iyad im Rahmen der Familienzusammenführung über die Deutsche Botschaft legal aus Syrien nach Deutschland gereist. Die Familie hat in Esslingen eine Wohnung
gefunden. Hier ist auch ihr erster Sohn geboren worden. Iyad spricht inzwischen ein sehr gutes Deutsch. Er ist IT-Ingenieur und arbeitet seit drei Jahren als IT-Techniker seit im gleichen Unternehmen.

 

Khaled Alziab arbeitet derzeit im Baugewerbe und möchte sich ebenfalls beruflich weiter entwickeln. Zuvor will er aber seine Deutschkenntnisse noch verbessern, bevor weitere Fortbildungen in Frage kommen.

 

Bassel ist bei Daimler-Benz Auszubildender im zweiten Lehrjahr. Durch seine täglichen Kontakte mit den deutschen Azubis und der Notwendigkeit im Berufsalltag ständig die deutsche Sprache anzuwenden, hat er sehr gute Sprachkenntnisse.

 

Alle drei Syrer sehen in Sprachkenntnissen die Grundvoraussetzung für die Eingliederung in den Alltag in einem andern Land. Als große Erleich-
terung für das Einleben in der neuen Umgebung sehen die drei Geflüchteten die Betreuung durch den Helferkreis in Zell.

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