Zell am Neckar... ...mehr als nur ein Stadtteil von Esslingen
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Ein Zeitzeuge aus Zell erinnert sich an die Situation der Flüchtlinge nach 1945

„Während schon ab Spätherbst 1944 die Bevölkerung Ostpreußens und Ostpommerns vor der Roten Armee floh und überwiegend im Norden Deutschlands strandete, war die Lage ab 1946 völlig anders.
Die Menschen aus Schlesien, Böhmen-Mähren und Ungarn harrten nach Kriegsende noch in ihrer Heimat aus, bis die großen Vertreibungsaktionen durch Polen und Tschechen rigoros erfolgten. Meist nur mit dem was sie auf dem Leibe trugen, wurden Frauen, Kinder und ältere Menschen oft über Nacht verjagt – wer sich dem widersetzte, konnte auch erschossen werden.


Männer waren unter diesen Vertriebenen kaum zu finden, da sie entweder in Gefangenschaft geraten waren oder sich vor den neuen Machthabern versteckten. Anfänglich ging es zu Fuß Richtung Westen, in der Hoffnung bei den Amerikanern aufgenommen zu werden.

 

Ein älteres Ehepaar aus Mittelschlesien (die Frau 60 der Mann 64 Jahre alt) ereilte dieses Schicksal ebenso wie tausende andere. Zuerst ging es aus der Gegend um Breslau zu Fuß in die „Tschechei“, um an der Grenze zu Bayern einen Güterzug zu erreichen. Das Ziel war der Stuttgarter Raum, da sich dort angeblich schon Verwandte aufhielten. Der Güterzug fuhr aber nur bis Nürnberg, sodass das Paar mit seiner Habe (auf einen Handwagen gepackt) zu Fuß weiter nach Südwesten zog. Das Glück brachte es mit sich, dass in Crailsheim ein LKW der französischen Militärverwaltung die Leute bis nach Schorndorf brachte. Hier wurden über das Militär die Angehörigen informiert (welchen mittlerweile schon in Zell eine Bleibe zugewiesen worden war)

 

Die Tochter des alten Paares machte sich also in Begleitung ihrer Schwägerin zu Fuß in Richtung Schorndorf auf und Eltern und Töchter trafen sich auf dem heutigen Engelberg. Weiter ging es über den Schurwald nach Zell und erst einmal in die Bleibe der Tochter. Dort befanden sich auf 63 qm 9 Kinder, 3 Frauen und ein älterer Mann, welcher nicht zum Krieg eingezogen worden war. Der Hausbesitzer war natürlich über den Neuzugang nicht erfreut und reklamierte diesen Umstand beim von der französischen Militärverwaltung eingesetzten Bürgermeister.

 

Nach einigen Tagen wurde dem älteren Paar ein Zimmer im Dachgeschoß eines in den 1920er Jahren gebauten Hauses zugewiesen. Der Raum war 12 qm groß und besaß keine Wasserstelle. Die Toilette befand sich außerhalb der Dachgeschoßwohnung und wurde nachts abgeschlossen, sodass die Notdurft auf einem Eimer verrichtet werden musste.
Da die Versorgung mit Nahrungsmitteln katastrophal war, sammelten die Kinder oft gefallenes Obst aus dem Straßendreck und wuschen es am Brunnen. Nicht selten wurden die Kinder bei dieser Nahrungsbeschaffung als “Flüchtlingspack“ beschimpft.

 

Der Großvater der Kinder ging mit ihnen in den Wald um Pilze, Beeren oder Holz für den kleinen Kanonenofen zu sammeln. Das Holz musste im Zimmer gelagert werden, da die Hausbesitzerin dies in ihrem Garten nicht zuließ. Kartoffeln oder Milch konnten nicht bei jedem Zeller gehandelt werden denn: “Mir hen ja selber nix“! Wäsche musste ebenfalls im Zimmer getrocknet werden, da ein Aufhängen im Hof oft nicht erlaubt wurde.


Ab 1947 kamen dann die überlebenden Väter zu ihren Familien und die Situation des Wohnens verschärfte sich dadurch oft. Manche kehrten auch erst nach Gründung der Bundesrepublik zu ihren Familien zurück. Im Jahr 1949 befanden sich unter den 27 Schulanfängern in Zell 10 Flüchtlingskinder. Selbst der Lehrer kam aus Ungarn und wurde wegen seiner holprigen deutschen Aussprache misstrauisch empfangen – jedoch die Kinder mochten ihn.

 

Da die Flüchtlingsväter keine Arbeit hatten, wurden sie oft als faul empfunden. Nach und nach fanden sie jedoch eine Arbeitsstelle und manche machten sich sogar selbstständig. So gab es in Zell einen neuen Schuhmacher, zwei neue Schneider, später sogar einen Gipser und einen Architekten. Die Vertriebenen oder Flüchtlinge versuchten ihre Verwandten oder Nachbarn aus den Heimatgemeinden in ihre Nähe zu bekommen. Dies wurde natürlich stark kritisiert und oftmals als Zumutung empfunden. Jedoch merkten die Zeller bald, dass das “Pack“ auch Musizieren, Singen oder Sport treiben konnte.

 

Nach der Gründung der BRD war vielen Flüchtlingen klar, dass die Hoffnung auf eine Rückkehr in die alte Heimat sich nicht erfüllen werde, und sie strebten nach einem eigenen Heim. Der nun wieder amtierende Gemeinderat mit einem jungen Bürgermeister beschloss, Bauland für Siedlungsbauten bereitzustellen. Mit Mut und Fleiß bauten ab 1953 die ersten Flüchtlinge eigene kleine Häuser, finanziert zum Teil aus Lastenausgleichsgeldern. Dieser Lastenausgleich war den Zellern, aber auch anderen, ein Dorn im Auge und häufig ein Stammtischthema im Gasthaus Ochsen!

Die "Siedlung" ca. 1962 auf einer Postkarte

 

Bewunderung für das trotzdem große finanzielle Wagnis war aber den Einheimischen nicht zu entlocken. Die Ablehnung gipfelte im Ausspruch eines ortsansässigen Malers:“Fir dia Flichtleng mach i nix, dia kennet doch et zahla“! Unbeirrt von Vorurteilen gingen die Flüchtlingsfamilien ihren Weg weiter und Zell hätte aus heutiger Sicht nichts Besseres passieren können, als der Zustrom der Vertriebenen in ihr kleinkariertes Umfeld.


Übrigens so ganz nebenbei bemerkt: Das ältere Ehepaar verstarb 1954, ohne Groll über die Diskriminierung, die sie sieben Jahre von den Zellern erfahren haben.

 

Aufgeschrieben von Hans-Joachim Bosse

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