Zell am Neckar... ...mehr als nur ein Stadtteil von Esslingen
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Obstannahmestelle in Zell

Bis kurz vor der Jahrtausendwende gab es in Zell eine Obstannahmestelle, die von der Deizisauer Bank betrieben wurde. Mit Beginn der Erntezeit konnten die aufgelesenen Äpfel montags an der Annahmestelle, die im letzten Gebäude rechts am Ende der Hauptstraße in Richtung Altbach lag, abgegeben werden. Das Gebäude wurde nach der Beendigung der Obstannahme in eine Schlosserwerkstatt umgebaut.

 

Durch die eintägige Öffnungszeit am Montag wurden an den Samstagen in vielen Familien die Obstbäume geschüttelt und die Äpfel in Körben aufgelesen und in Säcke gekippt. Je nach Grad der Motorisierung wurden die Säcke auf von Treckern gezogenen Anhängern, per zweirädrigen Schleppern mit Anhängern (Agria) oder mit Handwagen angefahren.

 

Wer dann am Montag nach dem Geschäft pünktlich zur Annahmestelle kam, fand längs der Hauptstraße eine lange Schlange mit Äpfeln beladener Anhänger vor. Viele Transportfahrzeuge wurden nämlich gleich nach dem Auflesen vor der Annahmestelle geparkt, so dass sich dort schnell eine Schlange bildete. Wer mit seiner Fuhre Äpfel erst am Montag kam, stellte sich hinten an. Bis man vorne war, hieß es Warten und Ruhe bewahren, bis man endlich dran war. Handwerkliches Schaffen hatte Pause. Das Mundwerk trat in Aktion, denn die Warteschlange wurde zur Nachrichtenbörse. Die neusten Zeller Nachrichten machten die Runde und alte Kamellen wurden wieder aufgewärmt und das Feuer im Herd der Gerüchteküche loderte hell und dauerhaft bei der Verbreitung von (neudeutsch) Fake News.

 

Vorne an der Annahmestelle war dann wieder Handarbeit gefragt. Zuerst mussten die Säcke auf die Rampe gehievt werden. Von dort wurden sie auf die Waage gebracht an der das Gewicht abgelesen wurde, wovon die Anzahl der Säcke am Gewicht abgezogen wurde. Bei der großen Menge an Säcken, die die einzelnen Lieferanten hatten, waren mehrere Wiegevorgänge nötig. Von der Waage wurden dann die Säcke in den Lastenaufzug transportiert und eine Etage in die Höhe befördert. Dort wurden sie ausgeladen und mit der Sackkarre an die Abkippstelle gefahren. Dann wurden die Säcke eingesammelt und an der Wiegestelle, je nach abgelieferter Menge, das Geld oder ein Gutschein für Apfelsaft entgegengenommen. Für den umständlichen Ablauf der Obstanlieferung konnte Zell damals für sich ein Alleinstellungsmerkmal beanspruchen. An allen anderen Annahmestellen in der Umgebung war es wesentlich einfacher seine Äpfel los zu werden.

 

Da die Äpfel meist von Angehörigen der älteren Generation abgeliefert wurden, leisteten die Jüngeren bei ihren Vorderleuten, denen das ganze Procedere oftmals schwer fiel, Handlangerdienste. Und je nach dem wer nach einem kam, packte man manchmal auch da noch mit an. Auch die Säcke, in denen sich die Äpfel befanden, waren meist schon etwas älter. Durch das ständige Umladen passierte es häufig, dass Säcke aufrissen und sich die Äpfel auf dem Boden verteilten. Ein zweites Auflesen war angesagt, was den Ablauf zusätzlich aufhielt.

 

Alles in Allem eine zeitaufwändige Angelegenheit, bei der Aufwand und Ertrag in einem krassen Missverhältnis standen. Der heutige Mindestlohn für einfache Tätigkeiten, liegt um ein Vielfaches über dem, was das Äpfel auflesen und abgeben damals einbrachte. So wurde 2018 z.B. für 100 kg Äpfel oder Birnen 7,00 Euro gezahlt, für 100kg Zwetschgen 40,00 Euro. Wie stark die Erträge dabei von Jahr zu schwanken können, zeigt folgendes Beispiel einer Zeller Familie: 2018 wurden 4 Tonnen Äpfel aufgesammelt, 2019 kamen gerade 100 kg Äpfel und Quitten zusammen.

 

Auch heute gibt es noch Zeller Streuobstwiesenbesitzer, die ihr reifes Obst mühsam aufsammeln und bei Sammelstellen in der Umgebung abliefern. Stand heute (2019) sind dies Getränke Röder in Reichenbach und die Fruchtsaftkelterei Mayer in ES-Rüdern. Daneben gibt es noch örtliche Mostereien, die in Lohnmosterei das mitgebrachte Obst pressen und den Saft gleich wieder mitgeben. 500kg Äpfel liefern dabei ca. 350 Liter Saft.

 

Hier sei auch die Streuobstmosterei in Altbach an der Esslinger Straße genannt, die auch Most und Säfte aus der direkten Umgebung vermarketet. Viele Zeller sind dort Vertragslieferanten und haben so einen Ersatz für die aufgegebene Zeller Obstannahme gefunden.

 

Hans-Joachim Bosse

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