Zell am Neckar... ...mehr als nur ein Stadtteil von Esslingen
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Aus Griechenland nach Zell

Einer unserer griechischen Mitbürger, Kaloudis Angelakoudis, der seit 50 Jahren in Zell lebt, war gerne bereit über sein Leben in der alten und der neuen Heimat zu berichten. Ebenso, wie die Zeller mit den griechischen Namen auf Kriegsfuß standen, erging es ihm mit den deutschen Namen – insbesondere durch die oft vorkommenden zwei Vornamen. Aber das waren wohl seine einzigen Schwierigkeiten in Zell.

 

Meine Heimat ist ein kleines Dorf in Nordgriechenland, das damals 2.000 Einwohner hatte. Es liegt 2 km von der bulgarischen und 28 km von der türkischen Grenze entfernt. Die nächste größere Stadt ist die Hafenstadt Alexandropoli. Heute leben in meinem Dorf nur noch 350 Einwohner, von denen die meisten schon im Rentenalter sind. Der Lebensunterhalt der Einwohner war die Landwirtschaft. So auch bei meinen Eltern, bei denen ich schon früh mit zupacken musste. Auf dem Papier betrug meine Schulzeit 6 Jahre. Doch immer wenn es etwas zu tun gab, hatte die Arbeit in der elterlichen Landwirtschaft Vorrang vor der Schule. Mit 12 Jahren war dann die Schule vorbei und ich arbeitete jetzt auf den Feldern meiner Eltern und Großeltern oder hütete ihre Kühe. Mit 20 musste ich dann für zwei Jahre zum Militärdienst.

 

Den Anstoß für einen Arbeitsplatz außerhalb Griechenlands gab mein Vater, der meinte, dass ich in unserem Dorf keinerlei Entwicklungsmöglichkeiten hätte. Meine Frau und ich kannten uns schon seit der Schulzeit und haben 1967 in Griechenland unsere Verlobung gefeiert. Mein Schwiegervater, der 1964 nach Zell kam, hatte seine Tochter nach Zell geholt. 1967 hat er mich nach Zell eingeladen. Aus dieser Einladung wurde dann später über das Konsulat eine offizielle Einladung zur Arbeitsaufnahme. Nach den üblichen Formalitäten habe ich am 23. September 1969 bei der Firma Rückle in Altbach, die Holzverarbeitungsmaschinen herstellte, meinen ersten Arbeitsplatz in Deutschland gefunden. Die erste Wohnung, eine Einzimmerwohnung für 50 DM Monatsmiete, bekam ich in der Bachstraße neben dem früheren Milchhäusle. Die für viele Gastarbeiter damals üblichen Wohnheime, mit 12 Betten pro Zimmer zum Preis von 30 DM pro Bett, blieben mir erspart. Gearbeitet wurde damals auch noch samstags. Mein Wochenlohn betrug 220 DM, meine Frau (wir haben am 5. Dezember 1970 in Zell geheiratet) verdiente bei der Firma Paul im Monat 480 DM. Von dem Geld haben wir einen Teil zu unseren Eltern nach Griechenland geschickt, die damals noch keine Krankenversicherung hatten, aber auf Medikamente angewiesen waren. Trotzdem konnten wir noch etwas sparen. Es war unser Ziel mit dem Ersparten später in Griechenland eine neue Existenz aufzubauen. So haben wir in unserem Heimatdorf ein steinernes Haus gebaut. Wir sind dort nie eingezogen und auch heute noch steht das Haus leer. Damals verbrachten meine Frau und ich im Heimatdorf unserer Eltern den ganzen Jahresurlaub einschließlich der angesammelten Überstunden, um ihnen bei der Arbeit zu helfen. Richtiger Urlaub war das natürlich nicht.

 

1972 wurde unsere Tochter geboren, die nach 6 Monaten zu ihren Großeltern nach Griechenland kam und dort bis zu ihrem 12. Lebensjahr blieb. Wieder in Deutschland machte sie ihr Abitur und ging zum Studium zurück nach Athen, wo sie heimisch wurde. Unser Sohn wurde 1978 geboren. Er lernte bei der Firma Festo Industrieelektroniker und studierte anschließend. Mit seiner Frau, einer Griechin, lebte auch er heute in Griechenland. Als Grieche, der anfangs kaum ein Wort Griechisch sprach, wurde er Leiter der Festo-Niederlassung in Athen.

 

Da es bei der Firma Rickle in Altbach keinen Betriebsnachfolger gab, wurde die Fertigung eingestellt. Eine neue Arbeit fand ich bei der Firma Pebra (später Magna), wo ich 2010 in den Ruhestand ging. Rückblickend habe ich länger in Zell gelebt als in meiner griechischen Heimat. Dass meine Frau und ich einmal auf Dauer in unser altes Dorf zurückkehren, ist unwahrscheinlich, aber es gibt ja in Griechenland noch andere Orte in denen das Leben noch pulsiert. Endgültig entschieden haben wir uns noch nicht.

 

In meinem ganzen Arbeitsleben in Zell und mit meinen Nachbarn habe ich nie Probleme gehabt. Ich wurde überall aufgenommen und bin dafür sehr dankbar.“

 

Aufgeschrieben von Hans-Joachim Bosse

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